17.05.2015

Mit Handicap die Heimat neu entdecken

Der folgende Artikel erschien am 17. April 2015 in der Rheinischen Post:

RP-SERIE MIT DEM FAHRRAD IN DEN FRÜHLING (5)

Mit Handicap die Heimat neu entdecken


Frau Spielmann und Herr Appelbaum sitzen auf dem Dreiradtandem vor blühenden Tulpen im Japanischen Garten in Leverkusen

Mitfahrerin Monika Spielmann auf dem Dreiradtandem mit Wolfgang Appelbaum. „An seiner Seite fühle ich mich sicher“, sagt sie. FOTO: Privat

Der Hildener Wolfgang Appelbaum bietet Touren durch die Region an. Mit ihm fahren Menschen, die es allein nicht schaffen. VON DOMINIQUE SCHROLLER

Hilden
Ein Handicap sollte keine Behinderung sein – davon ist Wolfgang Appelbaum überzeugt und bietet seit vier Jahren begleitete Radtouren an. „Die Idee ist entstanden, als wir damals Besuch von einem Freund mit Multipler Sklerose bekamen. Wir haben nach einer Möglichkeit gesucht, mit ihm auch außerhalb des Hauses etwas zu unternehmen. Im Internet habe ich dann diese Räder entdeckt“, erinnert sich der Hildener. Er kaufte das Spezialtandem und strampelt seitdem zusammen mit seinen Klienten. Er kommt bis zu ihrer Haustür und erfährt mit ihnen die Umgebung. „Wir radeln zum Markt, durch die Stadt oder zum Eis essen.“ Er bietet auch Ausflüge an. „Die Menschen lieben das und ich liebe diese Menschen“, sagt Wolfgang Appelbaum.

„An seiner Seite fühle ich mich sicher und erreiche Ziele, die ich sonst nie erreichen könnte“, berichtet Monika Spielmann. Sie ist seit einer Gehirnblutung halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. „Meine Welt ist seitdem begrenzt.“ Zweimal im Monat ist sie mit Appelbaum unterwegs und genießt diese Ausflüge in vollen Zügen. „Es tut mir gut, mich zu bewegen und in der Natur zu sein. Unsere Gespräche möchte ich auch nicht missen“, sagt die Langenfelderin. Ihre Lieblingstour führt durch die Ohligser Heide, Wolfgang Appelbaum ist besonders gerne an der Urdenbacher Kämpe unterwegs. „Beide Routen sind jedoch 25 Kilometer lang und für weniger geübte Fahrer zu anstrengend. Deshalb haben wir uns etwas anderes überlegt.“

Startpunkt Für Tandems, Dreiräder und Spezialfahrzeuge aller Art geht es am Parkplatz an der Langforter Straße gegenüber der Feuerwehr los. „Er ist mit dem Bus gut zu erreichen, dort lassen sich aber auch Autos und Anhänger gut abstellen“, sagt Appelbaum.
Beginn Er startet seine Rundfahrt rechts Richtung Gut Langfort, überquert die Berghausener Straße und nimmt Am schwarzen Weiher Kurs auf den Oerkhaussee. „Der Weg führt am Jüdischen Friedhof vorbei. Dafür kann man sich im Rathaus den Schlüssel holen oder bei Herrn Schmitz anmelden und eine Führung bekommen. Das lohnt sich, die Stille dort und die ganze Atmosphäre rund um die historischen Grabsteine ist außergewöhnlich“, sagt Monika Spielmann.
See und Wildschweinpark Die Tour führt am Oerkhaussee vorbei und bietet einen Blick auf die Wasservögel und ihren Lebensraum. „Das Ufer ist etwas freigeschnitten und es ist wirklich sehr schön dort“, betont Wolfgang Appelbaum. Er lenkt sein Gefährt am Ende des Sees nach Westen und lässt es durch das Tor in das Wildschwein-Revier im Garather Forst rollen. „Wir halten uns dann links und fahren ganz gemächlich am Garather Mühlenbach entlang und über die Kastanienallee auf den Schlosspark zu.“ Da dort immer etwas blüht, lohnt sich die Rundfahrt durch den romantischen Garten. Spielmann freut sich auf den Wildschweinpark im Garather Forst. „Ich möchte mal eines der Tiere sehen. Sie gehen leider immer in Deckung, wenn ich komme.“
„Wir verlassen den Park im Süden und wenden uns Richtung Hellerhof. Die hohen Hecken hinter denen sich die großzügigen Häuser verbergen, säumen die Straße“, berichtet Wolfgang Appelbaum. Seit er die begleiteten Fahrten anbietet, sieht er die Landschaft mit anderen Augen. „Inzwischen kenne ich viele Blumen und Tiere, die ich vorher schlicht übersehen habe.“ Neben ihm sitzen Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen, aber auch mit Demenz. Bei ihnen kann er über das Rad oft verloren geglaubte Erinnerungen wecken. „Da die meisten in ihrer Jugend häufig so unterwegs waren, sind damit oft zahlreiche Erlebnisse verknüpft. Die Betreuer berichten mir oft, dass die Menschen alles andere vergessen, aber vom Radfahren noch Tage später sprechen.“
Ende und Einkehr Auf seiner Tour umrundet Wolfgang Appelbaum den Schlosspark östlich, überquert links die Brücke über den Galkhausener Bach, hält sich links Richtung Wolfhagen und rollt über die Wolfhagener Straße, um dann wieder links zum Schwarzen Weiher abzubiegen und zum Ausgangspunkt zurückzukehren. „Das Bistro der Sportgemeinschaft Langenfeld bietet anschließend noch Gelegenheit zu einer gemütlichen Einkehr.“
Gestartet ist Appelbaum mit einem Rad in seine Selbstständigkeit. Inzwischen hat er mit drei Paralleltandems und zwei einsitzigen Dreirädern einen ganzen Fuhrpark. „Die Reaktionen der Kunden sind durchweg positiv. Wenn sie einmal mit mir gefahren sind, kommen sie immer wieder.“ Denn auf zwei Rädern machen sie ganz neue Erfahrungen – und ihre Welt bekommt mit jedem Pedaltritt eine neue Weite.

DIE STRECKE
Am 17. Mai gibt es sie als geführte Tour
Streckenlänge ca. 15 Kilometer
Dauer 1,5 bis 3 Stunden
Schwierigkeit leicht
Wolfgang Appelbaum bietet die Strecke am Sonntag, 17. Mai als geführte Tour an. Start ist um 10 Uhr auf dem Parkplatz an der Langforter Straße. Er bringt selbst drei Räder mit, auf denen er zwei freie Plätze bietet.
Anmeldung Insgesamt können sich zehn Teilnehmer für die Fahrt bei ihm anmelden unter 0170 2126930 oder 02103 5729924.
Die Teilnahme ist kostenfrei. Bei schlechtem Wetter wird die Tour verschoben.

Quelle: RP

Am 17. Mai 2015 fand unsere Tour dann bei bestem Wetter statt. Was wir dabei alles erlebt haben, hat Monika Spielmann aufgeschrieben:

Heute starteten 5 Langenfelder mit den 3 Nebeneinandertandems der Firma Appelbaum und meinem Dreirad zu der von der Rheinischen Post angekündigten begleiteten Fahrradtour für Menschen mit Handicap. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde und dem Einstellen der Räder auf die Bedürfnisse der heutigen Copiloten schlug Herr Appelbaum eine Änderung des angekündigten Ziels vor. Statt in Richtung Schloss Garath machten wir uns auf, die Urdenbacher Kämpe mit ihren zahlreichen Naturschönheiten zu entdecken. Ich kann von ihr einfach nicht genug bekommen, doch für die anderen Teilnehmer war es ein ganz neues Erlebnis. Saßen doch zumindest die beiden Damen, die bei Herrn und Frau Appelbaum mitfuhren, erstmalig auf einem Tandem. Vater und Sohn hingegen, die das dritte Tandem fuhren, hatten bereits erste Testfahrten absolviert.

Gemeinsam genossen wir die Blicke auf brütende Schwäne, ein lautstarkes und beeindruckendes Froschkonzert, blühende Sträucher und Bäume. Und das alles bei einem meist blauen Himmel.

Ein brütender Schwan in der Urdenbacher Kämpe  In einem Tümpel neben dem Teich sitzen zahlreiche kleine Frösche, die ein lautstarkes Konzert geben.
 
Mit den zahlreichen anderen Besuchern verband uns heute die Begeisterung für dieses wunderschöne Fleckchen Erde. Wie immer wurden unsere außergewöhnlichen Fahrzeuge bestaunt und bewundert.

Unsere drei Tandems auf einer Holzbrücke in der Urdenbacher Kämpe  Wir halten auf dem Weg, um Vögel, Frösche und Blumen zu bestaunen

Eine kurze Toilettenpause gab es im Café Extratour in Urdenbach, wo man uns freundlich willkommen hieß. Dem Ort Urdenbach statteten wir heute keinen Besuch ab, sondern fuhren weiter an der Fähre nach Zons vorbei wieder Richtung Monheim. Den Rhein konnten wir kurz an der Abzweigung zur Rheinfähre grüßen.

Dies alles war wieder einmal Lebenslust pur und Radelgenuss vom Feinsten. Musste dann unbedingt meine Kette abspringen und mich aus meinen Träumen reißen? Nun hieß es durchhalten und für den Rest der Strecke auf die Motorunterstützung verzichten. Immerhin waren wir in heimischen Gefilden und unser Ziel zwar noch nicht in greifbarer Nähe, doch nicht mehr unerreichbar fern. Ja, es gelang mir sogar, das Tempo der anderen Räder beizubehalten, und gemeinsam konnten wir unsere Ausfahrt im Bistro des Langenfelder Schwimmbads mit erfrischenden Getränken beenden.

Unsere aus drei Dreiradtandems und einem Single-Dreirad bestehende Radgruppe  Nach der Radtour sitzen wir im Bistro des Langenfelder Schwimmbads und lassen uns erfrischende Getränke schmecken

Ob es irgendwann eine weitere gemeinsame Ausfahrt für uns geben wird? Ich kann es mir gut vorstellen, denn Freude hatten alle an der heutigen Schnuppertour, zu der das Ehepaar Appelbaum uns einlud. Schon heute freue ich mich auf die nächste Ausfahrt mit ihnen. Wo mag sie uns hinführen? Ich habe die Qual der Wahl, denn schöne Ziele hat meine Heimat in wahrlich großer Zahl zu bieten. Vielleicht folgen wir wieder einer Empfehlung der Serie „Mit dem Fahrrad in den Frühling“ der RP.

Monika Spielmann




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